„Wir waren mit dem Leben davongekommen!" - Zeitzeugen berichten von ihrer Schulzeit in den 1940er Jahren

08.05.2014

„Wir waren mit dem Leben davongekommen!

Rund 70 Jahre ist es her, dass sie ihr Abitur abgelegt haben, und noch immer treffen sich die Altschüler der Zinzendorfschulen einmal im Jahr in Königsfeld. In zwei Geschichtskursen der Oberstufe desZinzendorfgymnasiumshaben rund ein Dutzend Zeitzeugen von ihrer Schulzeit berichtet, die in vielen Bereichen so ganz anders war als die der heutigen jungen Menschen.
Lebensmittel waren knapp, die Räume kalt. „Zum Frühstück wurden rohe Kartoffeln in kochendes Wasser gerieben“, erinnerte sich Günther Siegfried und es kam schon mal vor, dass sie nachts aus dem Bett geholt wurden, um einen Lastwagen voller Rüben zu entladen, weil diese sonst bis zum nächsten Morgen erfroren gewesen wären. „Im Januar 1942 war es bitter kalt“, wissen die Altschüler noch heute. Das Thermometer habe 32 Grad unter null gezeigt, geheizt wurde in den Schlafsälen trotzdem nicht, im Gegenteil – die Fenster standen immer offen. „Morgens war oft das Bettzeug an den Fußenden festgefroren.“
Die Bewohnerinnen des Mädcheninternats hatten es ein bisschen leichter. Sie durften abends ihre metallenen Wärmflaschen mit heißem Wasser füllen und morgens wurde eine halbe Stunde vor dem Wecken geheizt. „Aber nur die Stuben“, erinnert sich Siegrid Meyer, „während an den Wänden der Flure das Eis glitzerte.“ Nach dem Essen halfen sie den Erzieherinnen, das Geschirr zu spülen, die Jungen mussten ihre Schreibtische immer penibel aufräumen. Wenn da mal ein Stift im falschen Winkel lag, war die Vorlesestunde für den betreffenden Schüler gestrichen. Doch diese Entbehrungen hatten die Schülerinnen und Schüler nicht als besonders schlimm empfunden. „Wir waren damals nicht so empfindlich“, sagt Siegrid Meyer.
Noch heute müssen die Altschüler kichern, wenn sie sich an die Zeit erinnern, als Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. „Das was ziemlich aufregend“, fanden sie, denn außer im Unterricht hatte es kaum Begegnungen gegeben. „Wenn wir frei hatten und zum Einkaufen gingen, telefonierten die Erzieher vorher immer miteinander, damit wir uns auch ja nicht im Ort begegnen können“, erinnert sich Liselotte Kirchgässner, geborene Gieck. Die Mädchen durften erst losgehen, wenn die Jungen wieder in ihrem Internat waren.
Nach dem Krieg kehrten einige der Schüler zurück an die Zinzendorfschulen und da begann für sie die beste Zeit. Auch wenn sie sich vorwiegend von selbst gesammelten Pilzen, Topinambur und Brennesselgemüse ernährten: „Wie waren mit dem Leben davongekommen!“, beschrieb Hans Nutz das Gefühl, das ihre Stimmung damals prägte.
Viel mehr als die karge Ernährung hatte die jungen Menschen die fehlende Bildung belastet. „Wir hatten zwei oder drei Jahre keinen Unterricht gehabt und waren ausgehungert nach Wissen.“ Sie entdeckten Bücher, die unter dem nationalsozialistischen Regime verboten gewesen waren, lasen Thomas Mann und lernten Französisch, indem sie sich Texte von Descartes diktieren ließen – denn Schulbücher gab es nicht.

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